Die Behindertentagesstätte ‚Hogar Dios con nosotros’ liegt in einem der ärmsten Viertel von Santiago de Chile. Dort werden Behinderte Menschen im Alter von 17 bis über 60 Jahren von fünf chilenischen Mitarbeitern (Tias) und zwei Freiwilligen von Montag bis Freitag ganztags betreut.
Im Hogar haben Menschen mit den verschiedensten Behinderungen (geistiger oder körperlicher Art, Autisten, geistig nach einem Unfall eingeschränkte Menschen) einen Tagesplatz. Man muss wissen, dass Behinderte in Chile als recht wertlos betrachtet werden und viele werden von ihren Familien sehr schlecht behandelt und auch regelrecht versteckt, weil sich die Familien für sie schämen. Daher sind sie alle sehr gern in der Tagesstätte, da sie dort respektiert werden und vor allem auch Freunde haben.
Ein normaler Arbeitstag, wobei es eigentlich keinen Arbeitstag gab, der wie ein anderer war, geht um 8.30 Uhr los. Wir bereiteten die Tische für das Frühstück vor, räumten ein wenig auf und besprachen den Tagesplan. Zwischen 9 und halb 10 wurden dann die Behinderten gebracht bzw. kamen selbstständig zu Fuß, wenn sie es konnten. Als erstes gab es ein Frühstück. Bevor mit dem Essen begonnen wurde, beteten wir das Vater Unser oder Ave Maria. Beim Essen brauchen einige der Behinderten mehr oder weniger Hilfe und manche müssen gefüttert werden. Danach folgte eine kleine Andacht durch eine unserer Mitarbeiterinnen, anschließend begannen wir mit den für diesen Tag geplanten Aktivitäten. So wurde bis mittags zum Beispiel fröhlich gebastelt, gemalt, gesungen, musiziert, getanzt, gespielt oder auch mal spazieren gegangen.
Donnerstags wurden die Behinderten, die Zuhause dazu keine Möglichkeit haben, gebadet. Gegen 12.30 Uhr gab es dann Mittagessen, auch hier ist bei einigen wieder Hilfe nötig. Hatten alle aufgegessen, folgt nach dem Zähneputzen die “Siesta”. Das hieß eine Stunde Schlafen bzw. Ruhe halten und Mittagspause für die Tias und uns Freiwilligen, die wir zum Essen und für eine Tasse Kaffee nutzen. Danach ging es ans Aufwecken und Betten wegräumen. Daraufhin folgten die Nachmittagsaktivitäten, die denen des Vormittags natürlich sehr ähnelten. Um 16.30 Uhr wurden dann alle abgeholt und eine Stunde später, wenn alles aufgeräumt war, hatten auch wir Feierabend.
Der Jahresrhythmus ist geprägt durch immer wieder kleinere oder größere Veranstaltungen, ein Frühlingsfest, ein Flohmarkt und nicht zu vergessen, die Vorweihnachtszeit. - Das Frühlingsfest, welches das Highlight für alle Behinderten im Jahr bedeutet, wurde lange und ausgiebig vorbereitet. Im Vorfeld wurde viel gebastelt, geschnitten, geklebt, gemalt und was man noch so mit Papier machen kann. Außerdem wurden ein Tanz sowie ein Lied einstudiert. Der krönende Abschluss war jedoch die Aufführung von uns Freiwilligen: eine freie Interpretation vom “Dschungelbuch”! – Auch Weihnachten ist natürlich eine ganz besondere Zeit. Am 24ten gab es für jeden Behinderten ein größeres Geschenk und für alle zusammen anschließend ein gemeinsames schönes Weihnachtsessen. Natürlich hatten wir Freiwilligen manchmal auch Zusatzaufgaben, so musste ich z. B. als Josef verkleidet durch die Einrichtungen gehen, um das Krippenspiel vorzuführen. Die erstaunten Gesichter meiner Behinderten werde ich wohl nie vergessen, als sie bemerkten, wer da unter dem Umhang steckte…Silvester wurde hingegen gar nicht gefeiert, sondern hatte nur den Effekt, dass die Behinderten beim allmorgendlichen Datumsraten am Jahresanfang in große Schwierigkeiten kamen.
Jede Abwechslung wurde im Hogar mit lautem Jubel begrüßt und war eine willkommene Abwechslung des Alltagsgeschehens. Ein absolutes Highlight war die Anschaffung eines Planschbeckens gewesen! Das Baden, Planschen und Wasserherumspritzen dominierte fortan den Hogar-Vormittag. Anfängliches Baden mit den Behinderten artete schnell in eine große Wasserschlacht aus, was zu mittelschweren Überflutungen des Vorhofes führen konnte. Dann hieß es jedes Mal, schnell in Sicherheit mit denen, die sich nicht beteiligen wollten oder konnten, denn einzelne Behinderte waren mit dieser Situation auch schnell überfordert.
In der zweiten Jahreshälfte waren wir Freiwilligen schon so gut eingearbeitet, dass wir mehr Arbeit übernehmen konnten, wobei wir uns speziell auf die Förderung einiger Behinderter konzentrieren wollten. Wir planten also Schreibstunden für gewisse Behinderte. Können diese aufgrund körperlicher Behinderungen nicht schreiben, hilft dort eine aufgemalte Computertastatur weiter, mit welcher ganz einfach das Wort buchstabiert werden kann. Außerdem wurde die Krankengymnastik mit einigen Behinderten ausgebaut, wobei wir professionelle Hilfe von einem Krankengymnasten bekamen.
Der Herbst kam. Ein ganz besonderes Ereignis war ein Zoobesuch mit allen Behinderten. Aufgrund der schlechten finanziellen Ausstattung derartiger Einrichtungen in Chile sind derartig kostenintensive Ausflüge etwas ganz Besonderes. Eine großzügige Spende ermöglichte es uns, einen Bus zu mieten, mit dem 28 Behinderte mitsamt Tias und Tios zum Zoo fuhren. Nach einer Stunde Fahrt fanden wir uns also im “Buin Zoo” wieder, der als der schönsten Zoos Chiles gehandelt wird. In kleinen Gruppen, jeweils 4 bis 5 Personen, gingen wir los zu erkunden, was es zu erkunden gab. Ein Beifall folgte dem nächsten als wir an Tiger-, Bären- oder Löwenkäfigen vorbeikamen. Um 13 Uhr wurde dann im zoointernen Restaurant gegessen und alle konnten sich vom Vormittag erholen. Dies verlief recht unkontrolliert, da die Behinderten nichts anderes als die Tiere draußen vor der Tür im Kopf hatten und so schnell wie möglich wieder zu den Tieren wollten. Natürlich ging es dann auch anschließend weiter, um den Rest der Käfige bzw. Tiere anzugucken. Gegen 16 Uhr stiegen dann alle völlig erschöpft wieder in den Bus, um die Heimreise anzutreten. Dieser Ausflug war nur einer der vielen schoenen Tage, die ich im “Hogar Dios con nosotros” erleben durfte.
Ich danke an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich all denen, die mich in diesem Jahr unterstützt haben
(Christopher Dollberg, Oktober 2009)